Das Haus erinnert an eine Welt, in der sich die Menschen seit langem von dannen gemacht haben. Leere überall, Geruch von Staub und Schimmel. Im ersten Stock türmen sich die Trümmer eines Ofens. Nebenan sprießt aus dem aufgebrochenen Kachelboden eine Pflanze. Schmutz auf den Fensterscheiben lässt von der Sommersonne nur schummriges Licht übrig. Seit 1995 bewohnen nur noch Mäuse und Ungeziefer dieses Haus in der Berliner Straße 42 nahe dem Görlitzer Bahnhof.
Daniel Breutmann, Vorsitzender des Vereins Görlitz21, will das viergeschossige Haus aus der Gründerzeit retten. „Hier muss wieder Leben rein“, sagt er, während er über einen Schutthaufen kraxelt. Er hegt große Pläne – zumindest für die Räume, die noch halbwegs bewohnbar scheinen. Im Erdgeschoss will er ein Kulturcafé einrichten, in dem Lesungen gehalten und Filme gezeigt werden. In dem Innenhof, in dem sich Schutt und Sperrmüll häufen, will er einen Kräutergarten anlegen.
Ostdeutsche Erfolgsgeschichte
Breutmann und sein Verein Görlitz21 wollen dafür sorgen, dass sich junge Menschen in solche leer stehenden Häuser einnisten können. „Wächterhaus“ heißt das Projekt, das sich im Jahr 2004 der öffentlich geförderte Verein Haushalten in Leipzig ausgedacht hat. Mit Erfolg: Wächterhäuser existieren mittlerweile auch in anderen ostdeutschen Städten wie Chemnitz, Dresden oder eben in Görlitz.
Der Köder, der die jungen Kreativen anlockt: Sie müssen keine Miete zahlen, lediglich für Strom, Heizung sowie Müll- und Straßengebühren aufkommen. Als Gegenleistung sorgen sie dafür, dass der Niedergang der Häuser gestoppt wird. Sie entrümpeln, putzen und streichen. Seitdem geheizt wird, kriecht keine Fäulnis mehr die Wände hoch. Breutmann: „Unser Hauseigentümer ist dankbar, dass sich in seinem Haus etwas tut.“
Im Idealfall bleiben die neuen Bewohner so lange, bis der Eigentümer einen Käufer findet. Das ist jedoch unwahrscheinlich: Die Bausubstanz vieler Geisterhäuser bleibt trotz allem Engagement so marode, dass sich ein Kauf nicht lohnt, es sei denn, ein Investor steckt siebenstellige Summen für die Sanierung in das Objekt. Breutmann schätzt, dass es etwa fünf Millionen Euro kosten würde, allein das Haus in der Berliner Straße zu retten. Er kann sich also auf eine längere Verweildauer einrichten.
Leere in knapp 7000 Wohnungen
Hinter Breutmanns Hornbrille werden wache Augen sichtbar. Dass er sich um das heruntergekommene Haus bemüht, hängt vielleicht auch mit seinem Beruf zusammen. Der konfrontiert ihn zumindest indirekt mit dem Phänomen leerstehender Häuser. Breutmann, studierter Politikwissenschaftler, untersucht für den Landkreis Görlitz die demografische Entwicklung der Region. Und die ist fatal: Die Bevölkerung geht zurück, weil immer mehr junge Menschen wegziehen. Das hat zur Folge, dass allein in Görlitz knapp 7000 Wohnungen leer stehen.
Die Jugend sieht in der Stadt an der Neiße keine Zukunftsperspektiven mehr – es gibt nur wenige Arbeitsplätze. Zudem ist das Freizeitangebot nicht gerade auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten, es fehlt an einer vitalen Kneipen- und Clubszene.

In Görlitz verkommen etliche Gründerzeitbauten: Junge Menschen ziehen ein, ohne Miete zu zahlen – und sollen sie vor dem Verfall retten (Foto: Antonia Zennaro)
Da ist es eine gute Nachricht, dass es Nachahmer des „Wächterhaus“-Modells gibt: Am Postplatz 6, einem Gründerzeithaus im Stadtzentrum, ist vor kurzem der Fotograf Robert Bienas eingezogen. Er hat seine Mitstreiter von der Berliner Straße sogar überholt, was seine Aktivitäten betrifft: Im zweiten Stock hat sich Bienas bereits eine Wohnung eingerichtet – ein Hochbett im Schlafzimmer, Bücherregale an den Wänden. Nachbarn hat er auch schon: Eine Etage unter ihm hat der Maler Torsten Bähler sein Atelier eingerichtet, ein Zimmer weiter werkelt ein junger Mann, der dort ein Appartement herrichten will.
Bienas schwärmt: „Ich habe mich in dieses Haus verliebt.“ Enthusiastisch erzählt er von seinem Plan, im Erdgeschoss – ähnlich wie an der Berliner Straße 42 – ein alternatives Kulturzentrum zu eröffnen. Noch liegt dort allerdings haufenweise Sperrmüll. Es wird viel Arbeit kosten, aus der Kraterlandschaft einen hippen Szene-Treff zu machen.
Ärger mit dem Bauaufsichtsamt
Die Aufbruchsstimmung, die Breutmann, Bienas und ihre Kompagnons verströmen, stößt jedoch nicht überall auf Gegenliebe. Bei der Stadtverwaltung haben die jungen Leute einen schlechten Ruf. Gerd Tack, Beamter der städtischen Bauaufsicht, sagt: „Sprücheklopfer und Träumer sind das.“
Er ist es, der den geplanten Kulturzentren zustimmen muss. Die Bauanträge will er allerdings nur dann bewilligen, wenn sie exakt zeigen, wo die Toiletten liegen und die Brandschutzwege verlaufen. Bislang sei noch keine Post eingetroffen. Dabei hätten sich Breutmann und Bienas schon mehrmals vorgestellt und von ihren Vorhaben berichtet.
Tack handelt streng nach dem Prinzip „Law and Order“: Er will baurechtliche Vorschriften erfüllt sehen. Romantische Ideen interessieren ihn nicht.
Es führt kein Weg dran vorbei: Breutmann und Bienas müssen, so aufwändig und teuer es auch wird, Klos bauen und Brandschutzwege anlegen, sprich: den Gesetzesparagrafen Genüge tun. „Sonst können die Kulturzentren nicht eröffnet werden“, droht Tack.
Breutmanns und Bienas‘ Begeisterung über die Schönheit der „Wächterhäuser“ lässt keinen Zweifel daran, dass sie das schaffen.
Links zum Thema:
Verein „Haushalten“, der die Wächterhaus“-Idee erdacht hat:
www.haushalten.org
Görlitz21, der Verein, der an der Berliner Straße in Görlitz eingezogen ist:
www.goerlitz21.de
Görlitz21 stellt die Idee eines gemeinschaftlichen Kräutergartens vor:
www.stadtgaertnern.de
Arche autark, der Selbsthilfeverein, der an der Salomonstraße ein Möbellager und eine Tierzucht betreibt:
www.arche-autark.de