Nie war das Bier so schlecht wie zu DDR-Zeiten. Es fehlte an Hopfen und Malz. Ein Braumeister erinnert sich an „Teufelszeug“ in den Kesseln. Und beklagt: Auch heute wankt das Reinheitsgebot.
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Ein Leben für die Gerste: Braumeister Michel an seinem Ex-Arbeitsplatz, der Landskron-Brauerei (Foto: Susanne Faschingbauer)

Eine Prise Glucanasen vielleicht? Oder besser Xylanasen? Wie wäre es mit ß-Glucanasen? Sicher ist: Nur mit künstlichen Enzymen gab es echtes Ost-Bier. Braumeister Walter Michel schüttelt den Kopf bei dem Gedanken an den DDR-Trunk. Fast so als sei er noch immer erschrocken über das, was im Braukeller vor der Wende passierte.

Er trug Mundschutz. „Das war ein Teufelszeug“, sagt der Rentner, weißes Barthaar kräuselt sich um den Mund. Auch den Kontakt mit der Haut musste er vermeiden. Er hebt seine Hände aus dem Schoß und präsentiert sie auf Augenhöhe. Michel ekelte es vor dem eigenen Produkt. Nie sei Landskron-Bier so schlecht gewesen wie zu DDR-Zeiten. Nie verkaufte es sich so gut.

Frust habe viele Menschen geplagt. Sie schufteten, bekamen aber nichts für ihr Geld. In diese Wunde strömte Landskron. Europaweit tranken die Menschen der DDR am meisten Bier. Kurz vor der Wende verkaufte allein die Brauerei in Görlitz fünfzig Millionen Liter Bier.

Die Menschen lauerten dem Landskron-Laster auf wie eine Herde Hyänen ihrer Beute. Sie folgten seiner Spur sobald er das Tor verließ, erzählt Michel. Beim ersten Stopp kauften sie die Flaschen vom Wagen weg. Vielleicht besser so. Denn das Bier konnte schneller schal werden als der Tag dunkel. Es mangelte am konservierenden Hopfen.

Aus Berlin kamen die Vorgaben für das Bierbrauen. Die Rohstoffe fehlten und die Kosten sollten niedrig gehalten werden. Weniger Hopfen, kein Malz. Enzyme sollten die Wirkung des Malzes ersetzen. Braumeister Michel sträubte sich gegen die Vorgaben, akzeptierte nur widerwillig den Mundschutz.

„Das begehrte Westbier war da. Die mussten ja besser sein!“
Die Wende erreichte den Braukeller in der Geschwindigkeit einer Vergärung. 1991 legte Michel die Schutzkleidung ab. Unter seinen wachsamen Augen brodelte nichts anderes mehr als Hopfen, Malz und Wasser in den Kesseln der Brauerei. Nun wollte aber niemand mehr das Bier. Der Absatz verringerte sich auf ein Fünftel.

Die Marken mit den buntesten Etiketten trumpften am Biermarkt auf. „Das begehrte Westbier war da. Die mussten ja besser sein“, sagt der Braumeister. Er schwenkt seinen Arm vom Tisch der Landskron-Gaststätte und deutet an die Wand. Wie in einem Schrein hängen dort die Ost-Etiketten eingerahmt.

Die DDR verschwand, Landskron blieb. Schließlich trank man das Görlitzer Bier schon seit 141 Jahren. Braumeister Walter Michel hat sich nach 51 Jahren Arbeit zur Ruhe gesetzt. Heute führt er Touristen über das Gelände der Traditionsbrauerei, das inzwischen ein privater Familienbetrieb ist. Bierbrauen ist weiterhin ein einträgliches Geschäft, obwohl die Verkaufszahlen längst nicht mehr an die alten DDR-Zeiten heranreichen. Das einzige, was steigt, ist die Zahl der Biersorten: 12 sind es inzwischen.

„Teufelszeug“ schüttet heute niemand mehr in die Kessel. Dafür wird mit künstlichen Aromen experimentiert, die vor allem junge Biertrinker an die Flasche gewöhnen sollen. Bananen-Weizen oder Kirsch-Bier sind solche Mix-Getränke, die Bierbrauer Michel „eine Katastrophe“ nennt. Noch wehren sich die Görlitzer Brauer gegen diesen Trend. Michel schüttelt sich bei dem Gedanken, dass die Brauer heute schon wieder mit Chemieflaschen in den Keller gehen.

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