In Tschechien braut sich was zusammen: Ausländische Investoren haben die Traditionsbiere geschluckt, jetzt geht der Trend zum eigenen Kessel. Für Mikrobrauer Vendelín Krkoška ist das oberste Gebot die Qualität - von der er sich ausgiebig selbst überzeugt.
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Brauen macht Durst: Am Ende eines harten Arbeitstages greift Krkoška als erstes zum Bier (Foto: Susanne Faschingbauer)

Vendelín Krkoška ist blau. Es ist sechs Uhr abends, er hockt vor seiner Hütte an der Dorfstraße, die nach Liberec kriecht.

Ein langer Tag liegt hinter ihm, Krkoška, 59 Jahre, streicht seinen Schnurrbart. Fünf Uhr morgens hat er den Kessel angeworfen, Maische gerührt, bis in den Nachmittag Gerste gefiltert.

Auch wenn man es ihm jetzt nicht ansieht, wie er so dasitzt mit glasigem Blick, sonnenverbranntem Zinken und Schlappen an den Füßen: Vendelín Krkoška ist ein Held.

Wie in einem antiken Mythos lehnt er sich auf, gegen eine Übermacht. Auch wenn er etwas schwankt dabei. Er ist Mikrobrauer. Sein Einmannbetrieb gegen die Welt.

Eigentlich ist Tschechien DIE Nation des Gerstensafts. Hier erhielt das Pils seinen Namen und hier, mit 160 Litern pro Kopf und Jahr, lebt das Volk mit dem größten Bierdurst weltweit. Doch multinationale Konzernmonster haben sich die großen Traditionsmarken wie Pilsner Urquell, Gambrinus und Staropramen einverleibt.

Einen wie Krkoška juckt das nicht. „Schmeckt doch alles scheiße“, winkt er ab. Er trinke nur sein eigenes Bier, sagt er, Schaum vor dem Mund.

Das eigene Bier. Vor zwanzig Jahren gab es in Tschechien nur eine Handvoll Kleinstbrauereien, heute verteilen sich mehr als 70 auf der Landkarte. Die Szene gärt.

Krkoška selbst ist aus der Not zum Mikrobrauer geworden. Mitte der Neunziger wurde der Liberecer Bierbetrieb Konrad, sein Arbeitgeber für 32 Jahre, privatisiert und er auf die Straße gesetzt.

Krkoška besorgte sich einen eigenen Kessel. Zwei Jahre tüftelte das Biergenie an Rezeptur und Temperatur, dann floss Pivo „Vendelín“ zum ersten Mal aus dem Zapfhahn. Seine Frau, mit wunderbar mürrischem Blick, verkauft das honigtrübe Lager aus dem Fensterladen des Hauses heraus. 21 Kronen, das Glas.

Krkoška produziert 100 Liter Bier am Tag, zwei Fässer, mehr schafft er nicht. Ein Teil davon fließt gleich in die Kehle des Brauers.

„Ich trinke entweder zwanzig Bier oder gar keins“, sagt er und spült nach. Es ist die Belohnung am Ende eines harten Tags. Und schmeckt auch so: duftend, malzig, fruchtig. Sein Geheimnis: Anders als die Industriebrauer pasteurisiert Krkoška das Bier nicht, Vitamine und Hefe bleiben am Leben.

Zwar ist „Vendelín“ damit nur einige Wochen haltbar. Doch die Bierbänke in Krkoškas Garten sind meist gut gefüllt. Schwitzende Radwanderer tanken hier auf, Städter lassen sich große Plastikflaschen für den Hausgebrauch abfüllen.

Und falls doch mal ein Fass übrig bliebe – Brauer Krkoška würde damit auch allein fertigwerden. Schließlich ist es das, was Helden tun.

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